Die Geheimnisse des Schlafs: Interview mit Schlafexpertin Dr. Els van der Helm

Wir verbringen rund ein Drittel unseres Lebens mit Schlafen. Klingt verrückt, oder? Schlaf ist extrem wichtig und hat enormen Einfluss auf unser körperliches und geistiges Befinden. Trotz der großen Bedeutung von erholsamem Schlaf für unser Leben, gibt es noch viel, das wir darüber noch nicht wissen. Wir haben mit Dr. Els van der Helm, einer der Gründerinnen der Schlaf-App „Shleep“, gesprochen, um von mehr zu erfahren und sie um einige Tipps zu bitten.

Als Schlafexpertin und Beraterin besucht Van der Helm Unternehmen, um darüber zu informieren, wie Schlaf zur Produktivität und Gesundheit der Mitarbeiter beitragen kann. Zudem ist sie beratend tätig und zeigt Klienten Möglichkeiten auf, wie sie ihre Schlafqualität verbessern können.  

 

 

Welche Gefahren birgt Ihrer Meinung nach schlechter Schlaf?

Wenn Sie schlecht schlafen, gibt es praktisch keinen Bereich Ihres Körpers, der  nicht  darunter leidet. Es beeinflusst Ihr Immunsystem und macht Sie anfällig für Krankheiten. Wir wissen beispielsweise, dass Schlafmangel das Risiko erhöht, an Dingen wir Krebs und Alzheimer zu erkranken. Zudem essen Menschen, die wenig schlafen, häufig mehr und nehmen hauptsächlich Kohlenhydrate zu sich. Schlafmangel beeinflusst zudem den Blutzuckerspiegel. Ich behaupte nicht, dass er Diabetes verursacht, aber die Möglichkeit besteht. Auch unsere psychische Gesundheit wird dadurch beeinflusst: Bei Menschen, die nicht ausreichend schlafen, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Angststörung oder Depression zu entwickeln.

Wenn Sie schlecht gelaunt aufwachen, liegt das für gewöhnlich daran, dass Sie nicht gut geschlafen haben. Ein erholsamer Schlaf sorgt dafür, dass wir besser gelaunt sind. Deshalb rate ich im Allgemeinen dazu, den Schlaf – genau wie Bewegung und Ernährung – Priorität einzuräumen. Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass Sport, gesunde Ernährung und Achtsamkeit für sie wichtig sind, vergessen dabei aber häufig, auf ausreichend Schlaf zu achten. Sie müssen nicht jeden Tag gleich viele Stunden schlafen, sollten sich aber der Auswirkungen bewusst sein. Versuchen Sie, möglichst immer gleich viele Stunden Schlaf zu bekommen: Ihrem Körper tun Regelmäßigkeit und Routine gut.

Stress ist der Feind des Schlafes. Je achtsamer Sie während des Tages leben, desto besser werden Sie schlafen. Wenn Sie den ganzen Tag über unter hohem Stress stehen, werden Sie feststellen, dass Sie in der folgenden Nacht weniger gut schlafen. Sie können dann nicht erwarten, innerhalb von 30 Minuten einzuschlafen. Stellen Sie sich die Frage: „Was passiert mit mir, wenn ich nicht genug schlafe?“ Bei jedem Menschen sind die Warnsignale anders. Sie müssen diese wahrnehmen, um etwas an Ihrem Verhalten zu ändern.

 

Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass Sport, gesunde Ernährung und Achtsamkeit für sie wichtig sind, vergessen dabei aber häufig, auf ausreichend Schlaf zu achten.

 

Sie beschäftigen sich viel damit, Unternehmen und Menschen über die allgemeine Bedeutung von Schlaf aufzuklären. Obwohl Sie Wissenschaftlerin sind, tun Sie dies auf sehr anschauliche Weise. Warum?

Ich begrüße es, dass Wissenschaftler verstärkt mit Unternehmen und Medien zusammenarbeiten, um der Öffentlichkeit ihre Erkenntnisse anschaulich näherzubringen. Wenn ich wissenschaftliche Artikel lese, frage ich mich oft, welche Konsequenzen wir denn nun daraus ziehen sollten. Man wünscht sich doch, von Wissenschaftlern auch echte Tipps zu erhalten. Genau darum machen wir diese Arbeit, die mir sehr viel Freude bereitet: Auf diese Weise bilden wir eine Brücke zwischen der Wissenschaft und der restlichen Welt.  

 

Wie wirken sich Schlafprobleme auf die Gesellschaft insgesamt aus?

Man muss wissen, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt. Da sind jene, die Schlaf keine ausreichende Priorität einräumen. Ihr Tagesablauf ist dermaßen ausgefüllt, dass sie abends nicht einmal ans Schlafengehen denken und einfach aktiv bleiben – ob sie nun arbeiten oder sich etwas auf Netflix ansehen. Möglicherweise bemerken sie die Folgen ihres Schlafmangels nicht einmal und das ist gefährlich. Wenn wir schlecht gelaunt aufwachen und dies nicht mit dem Mangel an Schlaf in Verbindung bringen, wird sich nichts ändern. Im Übrigen geht es nicht nur darum, wie viel wir schlafen, sondern auch um die Schlafqualität.

Die zweite Gruppe umfasst rund 15 % der Bevölkerung. Diese Menschen sind sich bewusst, dass sie Schlafprobleme haben. Sie haben beispielsweise Probleme beim Einschlafen, wachen mitten in der Nacht oder viel zu früh auf. Bei diesen Menschen ist eine andere Herangehensweise gefragt. Doch sie müssen wissen: Wenn sie schlecht geschlafen haben, ist das noch lange nicht das Ende der Welt.

 

Junge Menschen scheinen sich ihrem Schlaf und dessen Bedeutung bewusster zu sein. Warum, glauben Sie, ist das so?

Diese Gruppe ist gesundheitsbewusster und den verschiedenen Verbesserungsmöglichkeiten gegenüber aufgeschlossener. Sie haben vielleicht gerade eine neue Stelle begonnen und sind sich bewusst, dass sie noch viel lernen müssen. Dadurch haben sie eine andere Einstellung. Wichtiger noch: Diese Gruppe beschäftigt sich mehr mit der eigenen Gesundheit und hält es für wichtig, sich gut um sich selbst zu kümmern. Junge Menschen haben mehr Stress als der Durchschnitt. Beispielsweise wegen einer neuen Arbeitsstelle oder ihres sehr aktiven Soziallebens. Deshalb kann Schlaf eine echte Herausforderung für sie sein.

 

Haben Sie ein abendliches Ritual, mit dem Sie Körper und Geist auf den Schlaf vorbereiten?

Ich denke nicht nur abends ans Schlafen, sondern auch tagsüber. Ich versuche, morgens als Erstes Sport zu machen und überlege mir auch, wie spät ich essen möchte, um zu vermeiden, kurz vor dem Zubettgehen noch etwas zu mir zu nehmen. Ich versuche, die geistig anspruchsvollen Aufgaben möglichst am Vormittag zu erledigen, damit ich abends nicht zu viele schwierige Dinge vor mir habe. Auf diese Weise bereite ich mich immer auf einen guten Schlaf vor.

 

Wie sieht Ihrer Meinung nach die optimale Schlafumgebung aus? Haben Sie einige Tipps fürs Schlafzimmer, die einen erholsamen Schlaf garantieren?

Ihr Schlafzimmer sollte kühl sein, d. h. eine Raumtemperatur zwischen 17 und 18 Grad haben, und das Fenster sollte möglichst immer geöffnet sein. Sie benötigen vielleicht eine wärmere Decke. Das ist jedoch besser, als bei geschlossenem Fenster zu schlafen. Zudem sollte es ruhig sein. Falls nicht, können Sie Ohrstöpsel oder ein Gerät verwenden, das weißes Rauschen erzeugt (Anm. d. Redaktion: Gerät, das verschiedenste Hintergrundgeräusche erzeugen kann, z. B. einen Wasserfall oder Windgeräusche). Dadurch werden andere Geräusche, die Sie vom Schlaf ablenken könnten, ausgeblendet. Hilfreich ist auch, im Schlafzimmer den Fokus komplett auf das Schlafen zu richten. Das heißt, es sollte sich nichts darin befinden, das Sie an die Arbeit erinnert. Vermeiden Sie es beispielsweise, Ihren Laptop mit ins Bett zu nehmen.

 

Letzte Frage: Wie stellen Sie sich Ihre Aufgaben in den kommenden Jahren vor?

Wir befinden uns mit „Shleep“ immer noch in der Entwicklung. Unsere Mission ist es, der Welt zu erholsamerem Schlaf zu verhelfen, und wir sind sehr motiviert. Wir möchten den Menschen nicht nur helfen, bewusster zu leben, sondern ihnen auch die Zusammenhänge erklären, damit sie in der Lage sind, selbst die notwendigen Änderungen vorzunehmen.

 

Je achtsamer Sie während des Tages leben, desto besser werden Sie schlafen.