Schneekünstler Simon Beck spricht darüber, wie es ist, den eigenen Weg zu gestalten

Der Künstler Simon Beck verwendet Schnee und Sand als seine Leinwand, um riesige, atemberaubende und wunderschöne geometrische Kunstwerke zu erschaffen, die einen in Staunen versetzen. Der Brite Beck reist durch die Welt – von der Schweiz über China nach Südamerika –, um ohne Unterbrechung 12 Stunden lang zu laufen. Dabei legt er bis zu 40 Kilometer zurück und schattiert und umrandet gewissenhaft vergängliche Designs, die er für die Nachwelt fotografiert. Was als Hobby begann, wurde zu einer zweiten Karriere für den ehemaligen Kartografen. Wir trafen uns mit Beck um herauszufinden, was ihn inspiriert, wie es sich für seinen Körper und seinen Geist anfühlt, stundenlang zu laufen und was er tut, wenn er einmal einen Fuß falsch gesetzt hat. 

 

Rituals: Stammt Ihre Schneekunst von Leidenschaften, die Sie schon als Kind hatten?

Simon Beck: Als ich ein Kind war, habe ich viele Diagramme gezeichnet. Man zeichnet unterschiedliche Punkte mit einem Winkelmesser und verbindet sie dann. Das konnten die anderen Kinder nicht, denn dafür musste man sorgfältig und aufmerksam arbeiten. Ich habe die Schule gehasst, ich hatte immer das Gefühl, wir würden zu dummen, sinnlosen Projekten gezwungen; daher sagte einer meiner Lehrer mir, ich sollte mein eigenes Projekt auswählen. Und so malte ich viele Diagramme und habe sie zu einem ganzen Buch zusammengefasst. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch noch, aber mein Vater hat immer aufgeräumt und Dinge weggeworfen, ohne mit irgendwem darüber zu sprechen!

 

 

Rituals: Wie sind Sie dazu gekommen, Kunstwerke im Schnee und im Sand zu erschaffen?

Beck: Ich war schon 46 Jahre alt und ging in ein Skiresort, um dort zu leben. So erhielt ich die Chance, diese Diagramme im Schnee zu erschaffen. Ich habe an Orientierungsläufen teilgenommen und immer gesagt, wenn ich zu alt für gute Zeiten werde, höre ich damit auf und lerne stattdessen Skifahren. Ich lernte es in Neuseeland im Oktober 2002 am Mount Hutt. Danach ging ich 2004 in das französische Resort Les Arcs, bald nach dem Beginn der Skisaison. Ich sah nach draußen auf den zugefrorenen und schneebedeckten See und dachte sofort, dass ich dort ein Muster schaffen könnte. Sobald ich also die Möglichkeit hatte, als der See sicher zugefroren war, habe ich das gemacht. Mir wurde schnell klar, dass sonst niemand solche Designs im Schnee erschuf.

 

Rituals: Planen Sie Ihre Designs, bevor Sie anfangen?

Beck: Für ein einfaches Design, zum Beispiel einen Stern, muss man in die Mitte gehen, die Punkte vom Zentrum aus ausmessen und dann miteinander verbinden, das ist ziemlich einfach. Oft zeichne ich Designs erst [ein Millimeter entspricht einem Fußabdruck], um die Logistik auszuarbeiten, denn jedes Mal, wenn man durch den Schnee geht, entsteht eine Linie, und diese Linie erscheint dann auch im endgültigen Design. Am Anfang habe ich alles vorher gezeichnet, jetzt habe ich allerdings schon mehr als 350 Designs erschaffen, daher weiß ich, wie ich vorgehen muss, bevor ich anfange.

 

Zuerst konzentriere ich mich darauf, die Hauptlinien richtig hinzubekommen. Diese müssen so präzise wie möglich sein, daher zähle ich meine Schritte und verwende einen Kompass, damit ich keine Fehler mache. Während ich gehe, setze ich Markierungspunkte, zum Beispiel Stöcke oder Kleidungsstücke. Diese verwende ich dann als Richtpunkte. Es ist leicht, sich auf den falschen Richtpunkt zuzubewegen, wenn der 75 Meter weit weg ist, daher muss ich mich sehr konzentrieren. Sobald jedoch alle strukturellen Linien gezeichnet sind – ca. 2 Stunden, nachdem ich angefangen habe – habe ich den Denk-Teil beendet und kann einfach entspannen, herumstapfen und Musik hören. Ich höre klassische Musik, Popmusik hasse ich! Hin und wieder denke ich, dass ich bestimmte Musik zu oft gehört habe, dann ändere ich alles komplett um und lade ganz neue Stücke auf mein Gerät.

 

Jedes Design hat im Allgemeinen vier Phasen: das sorgfältige Ausmessen, das Zeichnen der Linien, das Schattieren und schließlich das Zeichnen der Begrenzungen. Für die Abgrenzungen erschaffe ich in der Regel einen fraktalen Umriss, zeichne Kreise und kleinere Kreise. Oft arbeite ich bis in die Nacht und verwende eine Stirnlampe, wenn ich also einen langen Tag mit dem Erschaffen eines Designs und dem Fotografieren am nächsten Tag verbracht habe, brauche ich ein, zwei Tage zum Entspannen. Wenn sich das schöne Wetter hält, vergrößere ich ein Design oder mache es komplexer.

 

Rituals: Was passiert, wenn Sie einen Fehler machen?

Beck: Die Designs sehen am besten aus, wenn sie präzise sind – es geht mehr um Geometrie als um Kunst. Wenn ich einen Fehler mache, dann eher in einem frühen Stadium; zum Beispiel kann ich mich auf einen falschen Richtpunkt zubewegen. Wenn ich einen Fehler mache, gebe ich nicht auf – ich ändere mein Design dann ich Echtzeit. Ich hatte einige Designs, die am Ende komplett anders aussahen als die anfängliche Zeichnung. Ich denke immer, „Okay, nächstes Mal versuche ich es erneut.“ Sofern das Endergebnis gut aussieht, bin ich zufrieden.

 

Wenn ich einen Fehler mache, gebe ich nicht auf – ich ändere mein Design dann in Echtzeit.

Rituals: Was sind die Inspirationen für Ihre Designs?

Beck: Ich versuche, mir Designs auszudenken, die anders aussehen als die, die ich bereits geschaffen habe. Es muss auch etwas sein, das ich gut in 10 bis 12 Stunden an einem Tag fertigstellen kann. Es sollte daher beispielsweise keine separaten Inseln geben, die mit einem nicht gewünschten Pfad verbunden werden. Ich möchte nicht viele Kurven haben, gerade Linien sind einfacher. Ich sehe mir manchmal Kornkreise an, um mich zu inspirieren.

 

In der Regel wiederhole ich ein Design nicht mehr, sobald ich ein gutes Bild davon habe. Ich fotografiere es aus verschiedenen Blickwinkeln. Wenn es eine Auftragsarbeit ist, wird eine Drohne verwendet.

 

Ein Grund, ein Design zu wiederholen, ist, wenn ich kein gutes Foto habe oder wenn ich dieses Design an einem anderen Ort noch einmal erschaffen möchte. Ich bearbeite die Bilder nicht. Manchmal laufen Menschen jedoch durch die Designs, daher habe ich die Spielregeln leicht verändert: Ich erlaube mir, ein Bild zu bearbeiten, wenn jemand hindurchgelaufen ist, statt es komplett noch einmal neu zu erschaffen! Dinge zu „fälschen“ dauert allerdings ziemlich lange, wenn man es gut machen will; es muss gar nicht viel beschädigt worden sein, damit es schneller ist, die Zeichnung einfach noch einmal zu wiederholen.

 

Rituals: Welches waren die atemberaubendsten Orte, an denen Sie gearbeitet haben?

Beck: Menschen erteilen mir oft Aufträge für Zeichnungen in Skiresorts. Corona Beer hat mich zweimal nach Südamerika geflogen. Skoda hat mich nach China geflogen. In Zermatt gibt es fantastische Orte mit dem Matterhorn im Hintergrund. Das Problem ist, dass es bei meiner Arbeit darauf ankommt, dass das Wetter genau richtig ist. Wenn der Schnee beispielsweise zu pudrig ist, wird die Zeichnung durch den leichtesten Wind zerstört. Wenn ich zu Hause in Les Arcs bin, kann ich auf die richtigen Bedingungen warten. Man braucht Geduld, um zu warten. Wenn ich jedoch zu Hause bin mit meiner Skiausrüstung, kann ich auch noch andere Dinge tun!

 

Rituals: Was möchten Sie, dass die Menschen fühlen, wenn sie Ihre Arbeit sehen?

Beck: Um ehrlich zu sein: Ich mache das für mich selbst. Ich kann nicht kontrollieren, was die Menschen fühlen, und die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Bei der Malerei haben Sie beispielsweise ein System aus Kritikern und anderen Künstlern; aber beim Schnee ist es zunächst so, dass die meisten Menschen es niemals richtig sehen, und ich bin einer von sehr wenigen Menschen, die so etwas machen.

 

Rituals: Haben Sie bestimmte Trainingsgewohnheiten, um sich darauf vorzubereiten, stundenlang auf den Beinen zu sein?

Beck: Ich komme aus der Kartografie. Daher bin ich es gewohnt, den ganzen Tag herumzulaufen. Ich wandere schon mein ganzes Leben lang in den Bergen. Daher ist mein Körper an diese Anstrengung gewohnt.

Rituals: Wenn Sie Ihre Kunst erschaffen, arbeiten Sie dann ununterbrochen oder nehmen Sie sich Zeit, um etwas zu essen?

Beck: Ich esse zum Frühstück eine große Schüssel Porridge, einen ganzen Topf voll. Ich nehme mir Wasser, Kekse und Bananen mit, die ich beim Laufen essen kann. Am Abend vorher esse ich wie jemand, der am nächsten Tag einen Marathon läuft, viele Kohlenhydrate – ein Pasta-Fest.

 

Rituals: Bei unserer Marke geht es viel um Wohlbefinden und eine gesunde Einstellung – nutzen Sie irgendwelche Achtsamkeits-Tools, wenn Sie unterwegs sind oder müssen Sie sich aktiv auf die Designs konzentrieren und darauf, was Sie tun.

Beck: Leider nicht – ich halte mich in guter körperlicher Verfassung, indem ich durch Wälder und im Gebirge wandere. Ich brauche keine Achtsamkeitsdinge. Ich mache viel das, was mir gefällt und muss mir darüber keine Gedanken machen.

 

Rituals: Da Ihre Werke bestimmten Mustern folgen, finden Sie, dass Sie nach einer Weile völlig in dieser Arbeit aufgehen?

Beck: Ja, ich glaube schon. Ich lasse mich einfach treiben und lausche der Musik. Irgendwann wird es langweilig, das liegt aber eigentlich daran, dass die Musik beginnt, mich zu langweilen. Die besten Augenblicke sind die, in denen ich mir etwas anhöre, das ich vorher noch nicht gehört habe. Bei dem Kunstwerk ist der langweiligste Teil die fraktale Abgrenzung; aber das Design sieht mit einer fraktalen Begrenzung einfach besser aus. Es ist wie im wahren Leben: Alles hat gute und langweilige Seiten.